Der stille Auszug: Warum eine Generation den Turniersport verlässt

In unserer RidersDeal Reitsport-Studie 2026 zeigt sich eine Zahl, die in der Branche oft übersehen wird: 71 Prozent der 3.515 befragten Pferdebesitzerinnen gehen nicht oder nicht mehr aufs Turnier. Davon sind etwas weniger als 40 Prozent ehemalige Starterinnen, die ausgestiegen sind. Der Rest war nie dabei oder ist im Aussteigen begriffen. Das ist kein Randphänomen — das ist der größte stille Trend der Pferdewelt 2026. Während Verbände und Sportmedien weiter über Klassen, Punkte und Titel berichten, verlässt eine ganze Generation den Sport leise. In diesem Artikel zeigen wir die Zahlen, die Top-Gründe und was das für die Zukunft des Reitsports bedeutet.

RR

Rasso Reng

Marketingleiter & Datenanalyst · Aktualisiert: April 2026

Wie viele gehen 2026 noch aufs Turnier?

Die Frage in der Studie war direkt: "Nimmst Du an Turnieren teil?" — vier Antwortmöglichkeiten standen zur Auswahl. Das Ergebnis ist eindeutig:

Turnier-Teilnahme der Pferdebesitzerinnen 2026 (n = 3.515)
Antwort Anteil
Nein, nie 42,8%
Früher ja, jetzt nicht mehr 28,4%
Ja, gelegentlich 19,3%
Ja, regelmäßig 9,5%

71,2 Prozent gehen aktuell nicht aufs Turnier. Die einen waren nie dabei (42,8 Prozent), die anderen sind ausgestiegen (28,4 Prozent). Aktive Turniersportlerinnen — egal ob gelegentlich oder regelmäßig — machen zusammen nur 28,8 Prozent aus. Das ist eine Minderheit, die zwar in der medialen Wahrnehmung dominiert, in der Realität der Pferdewelt 2026 aber nur ein knappes Drittel ausmacht.

Was die Zahl noch wertvoller macht: Sie hat die Größenordnung einer Branchenrealität. Wenn man die Pferdezahl im DACH-Raum hochrechnet und annimmt, dass diese Stichprobe repräsentativ ist, reden wir von Hunderttausenden Reiterinnen, die den klassischen Turniersport nicht oder nicht mehr leben. Der Sport ist auf dem Papier vielleicht stabil — die Basis bröckelt.

Welche Disziplinen leiden am stärksten?

Wenn man die Turnier-Teilnahme nach Hauptdisziplin aufschlüsselt, zeigen sich klare Unterschiede. Bei klassischer Dressur und Springen ist die aktive Teilnahme am höchsten — was nicht überrascht, da diese Disziplinen den klassischen Verbandssport ausmachen. Trotzdem sind auch hier die Aussteiger-Quoten erheblich.

Die größte Aussteiger-Gruppe pro Disziplin findet sich nicht überraschend bei Gelassenheit und Freizeit — wer sich aktiv für diese Kategorie entscheidet, hat Turniere oft schon hinter sich gelassen. Aber auch in der klassischen Dressur ist die Aussteiger-Quote substantiell. Wer Spiele und Wettkämpfe einmal hatte und sich davon verabschiedet hat, hat oft eine eigene Geschichte dahinter — oft eine Mischung aus Kosten, Stress und der Erkenntnis, dass das Pferd auch ohne Turnier ein gutes Leben hat. Das vertiefen wir im persönlicheren Studien-Artikel Früher ja, jetzt nicht mehr: Wie eine Generation den Turniersport verlässt.

Bei Working Equitation, Western und Isländisch sind die Turnier-Quoten differenzierter. Diese Disziplinen haben oft eigene, kleinere Wettkampf-Formate, die sich von der klassischen FN-Turniertradition unterscheiden. Wer dort startet, fühlt sich oft weniger als Sportlerin im klassischen Sinn — sondern als Teilnehmerin an einem Format, das näher am Reitalltag bleibt.

Was sind die Top-Gründe für den Ausstieg?

Wir haben den Aussteigerinnen und Nicht-Starterinnen in einer Folgefrage Mehrfachauswahl gegeben — also wer sowohl Kosten als auch Stress als Grund nennt, taucht in beiden Spalten auf. Die Ergebnisse zeichnen ein vielschichtiges Bild.

Gründe für seltener oder nicht mehr Turnier (Mehrfachauswahl)
Grund Anteil
Zu teuer (Kosten) 38,7%
Zu viel Stress 33,2%
Pferd nicht (mehr) geeignet 26,1%
Keine Lust mehr 22,3%
Pferdewohl-Bedenken 21,0%
Ich war nie dabei 19,5%

Geld führt — aber nur knapp. Stress, Pferdewohl und allgemeine Lustlosigkeit zusammen sind weit mehr als nur die finanzielle Frage. Wenn man Stress, "keine Lust" und Pferdewohl-Bedenken zusammenrechnet, sind das fast 77 Prozent — also drei von vier Aussteigerinnen nennen mindestens einen nicht-finanziellen Grund.

Eine Reiterin schreibt in der Studie: "Ich habe gemerkt, dass ich am Turniertag immer nur am Funktionieren war. Mein Pferd ebenso. Wir hatten keinen Spaß, wir hatten Termindruck. Heute bin ich froh, das hinter mir zu haben." Diese Aussage steht stellvertretend für viele — Turnier wird als Ausdruck einer Funktionalität wahrgenommen, die der eigentlichen Beziehung zum Pferd widerspricht.

Warum verlieren erfahrene Reiterinnen das Turnier?

Hier kommt der vielleicht dramatischste Cross-Tab-Befund der Studie. Wenn man die Aussteiger-Quote nach Reit-Erfahrung aufschlüsselt, zeigt sich ein klares Muster: Je länger eine Reiterin im Sport ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie ausgestiegen ist.

Bei den Reiterinnen, die in der Frage "Wie lange reitest Du schon?" mit "länger als ich denken kann" geantwortet haben — also langjährige Pferdebesitzerinnen, die seit Kindheit oder Jugend dabei sind — sind 45 Prozent ehemalige Turnier-Starterinnen, die heute nicht mehr starten. Bei der Gruppe der 5- bis 15-Jahres-Reiterinnen sind es nur 13 Prozent. Das ist ein dreieinhalb-facher Unterschied.

Was sagt das? Mehrere Dinge gleichzeitig. Erstens: Wer 30 Jahre Reitsport hinter sich hat, hat oft mehrere Turnier-Phasen durchlaufen — und an irgendeinem Punkt entschieden, dass es genug ist. Zweitens: Erfahrene Reiterinnen sind oft die, die das Pferdewohl-Argument am stärksten gewichten. Drittens: Mit zunehmendem Alter werden Stress und Logistik einer Turnierwoche schwerer zu tragen — Anhängerfahrten, Übernachtungen, Konkurrenzdruck.

Was diese Zahl noch bedeutet: Die Verbände verlieren ausgerechnet ihre erfahrenste, wissensreichste Mitgliederbasis. Die jüngeren Reiterinnen, die nachrücken, haben oft einen anderen Bezug zum Sport — sie kommen weniger aus der traditionellen Vereinsstruktur, sind diversifizierter in ihren Disziplinen, und nehmen das Turnier weniger als Selbstverständlichkeit an.

Welche Rolle spielen die Kosten?

38,7 Prozent der Aussteigerinnen nennen Kosten als Grund — der häufigste Einzelfaktor. Eine Turnierwoche kostet schnell mehrere Hundert Euro: Nenngebühren, Anhänger-Sprit, Übernachtung, Turnierausrüstung, Verbandsbeiträge, manchmal Trainerin auf dem Turnier. Wer in einer Saison fünf Turniere starten möchte, plant problemlos 1.500 bis 2.500 Euro nur für die Wochenenden ein — zusätzlich zu den ohnehin steigenden Pferdehaltungskosten.

Hinzu kommt der GOT-Druck der letzten Jahre. 89,6 Prozent der Pferdebesitzerinnen spüren die Erhöhung der Tierarzt-Gebührenordnung deutlich, 67 Prozent sogar stark. Wer nach Stallmiete, Tierarzt, Hufschmied und Versicherung Mühe hat, das Budget zu halten, streicht zuerst Hobby-Komponenten — und Turnier ist genau das. Die Sparhierarchie der Studie ist eindeutig: Bei Turnierteilnahme sparen 18,4 Prozent. Mehr dazu im Studien-Artikel Bei Ausrüstung 41 Prozent, beim Tierarzt 9 Prozent: Die ehrliche Sparliste 2026.

Eine ausführliche Aufstellung, was Pferdehaltung 2026 insgesamt kostet, findest Du im Ratgeber Was kostet ein Pferd. Wenn man dort die jährliche Bandbreite mit den durchschnittlichen Turnierkosten zusammenrechnet, wird schnell klar, warum für viele Halterinnen am Ende des Jahres die Turnierwochen die ersten sind, die ausfallen.

GOT, Stallmiete, Turnier — alles wird teurer
Die GOT-Erhöhung 2026 ist nicht der einzige Kostenfaktor, der den Turniersport unter Druck setzt — aber ein zentraler. Mehr dazu im Studien-Artikel Tierarzt-Schock 2026.

Was sagen Aussteigerinnen über das Pferdewohl?

21 Prozent der Aussteigerinnen nennen Pferdewohl-Bedenken als Grund. Das ist kein Randthema mehr. Es ist eine inhaltliche Wertentscheidung, die in der Pferdewelt 2026 deutlich breiter geteilt wird als noch vor 15 Jahren. Reiterinnen, die früher ohne große Bedenken mehrmals im Monat aufs Turnier gefahren sind, fragen sich heute kritischer: Tut das meinem Pferd gut?

Was die Reiterinnen in den Freitext-Antworten als kritisch nennen: Anhängerfahrten, fremde Boxen, anderes Wasser, Stress vor und nach der Prüfung, manchmal Wartezeiten von mehreren Stunden. Hinzu kommt die wachsende Sensibilität für reine Trainingsmethoden — wer sich mit Klassischer Dressur, Akademischer Reitkunst oder modernen Trainingsmethoden auseinandersetzt, hat oft eine andere Perspektive auf das Turnier-Format.

Wichtig zu sagen: Diese Sicht ist nicht die einzige. Aktive Turniersportlerinnen würden vehement widersprechen, dass Turniere generell pferdewohl-feindlich sind. Korrekt durchgeführter Turniersport mit gut vorbereiteten, gesunden Pferden ist eine legitime Form der Pferd-Mensch-Partnerschaft. Der Streit um das Pferdewohl im Turnier ist deshalb komplex und nicht einseitig zu klären.

Was die Studien-Daten aber zeigen: 21 Prozent ist eine substantielle Zahl. Die Branche kann diese Stimmen nicht mehr ignorieren — sie sind Teil eines Wandels, der den Sport langfristig verändern wird.

Was bedeutet das für die Zukunft des Reitsports?

Wenn 71 Prozent der Pferdebesitzerinnen nicht oder nicht mehr aufs Turnier gehen, hat das Folgen — für die Verbände, für die Vereine, für die Sponsoren-Industrie. Drei Konsequenzen sind absehbar.

1. Vereine geraten unter Druck. Wer Turniere ausrichtet, braucht Helferinnen, Sponsoren, Teilnehmerinnen und Zuschauer. Wenn die aktive Turnier-Basis schrumpft, schrumpft auch die Bereitschaft, Veranstaltungen zu organisieren. In der Studie sagt 39,7 Prozent: "Mein Verein richtet keine Turniere mehr aus." Das ist fast jeder zweite Verein. Mehr zur Vereins-Krise im Studien-Artikel Warum Reitvereine 2026 keine Turniere mehr ausrichten.

2. Niedrigschwellige Alternativen wachsen. Während klassische Turniere stagnieren, entstehen neue Formate — Trail-Tage, Bodenarbeit-Cups, Reitabzeichen-Wochenenden, lokale Lehrgänge mit kleinem Wettkampf-Anteil. Das ist die Antwort der Branche auf den Auszug: Wenn das alte Format zu starr ist, entstehen neue, leichtere. Diese Formate werden in den nächsten Jahren weiter wachsen.

3. Die Sport-Pferdezucht wird sich anpassen müssen. Wenn die Hobby-Käuferinnen-Schicht — die historisch ein Großteil des Pferde-Marktes war — sich vom klassischen Turniersport abwendet, ändert sich auch die Nachfrage nach bestimmten Pferdetypen. Robuster, freizeit-tauglich, gelassen wird in den nächsten Jahren wichtiger, das hochspezialisierte Sportpferd nimmt anteilig ab. Das ist eine Zucht-Frage, die die Branche schon spürt.

Wer die persönliche Geschichte hinter den Aussteiger-Daten lesen möchte, findet sie im Studien-Artikel Früher ja, jetzt nicht mehr. Dort erzählen wir, was diese 28,4 Prozent der Befragten wirklich erlebt haben.

Häufige Fragen zum Turnier-Auszug

Wie viele Pferdebesitzerinnen gehen 2026 noch aufs Turnier?

Nur 28,8 Prozent — laut der RidersDeal Reitsport-Studie 2026 (n = 3.515) starten 19,3 Prozent gelegentlich und 9,5 Prozent regelmäßig. 42,8 Prozent waren nie auf dem Turnier, 28,4 Prozent sind ausgestiegen. Insgesamt 71,2 Prozent gehen aktuell nicht aufs Turnier.

Was sind die Top-Gründe für den Turnier-Ausstieg?

Kosten (38,7 Prozent), Stress (33,2 Prozent), Pferd nicht mehr geeignet (26,1 Prozent), keine Lust mehr (22,3 Prozent) und Pferdewohl-Bedenken (21,0 Prozent). Geld führt — aber Stress, Lustlosigkeit und Pferdewohl-Argumente zusammen sind deutlich gewichtiger als der reine Finanzfaktor.

Welche Reiterinnen steigen am häufigsten aus?

Erfahrene Reiterinnen mit langer Reit-Karriere. Bei der Gruppe "länger als ich denken kann reite ich" sind 45 Prozent ehemalige Turnier-Starterinnen, die heute nicht mehr starten. Bei der Gruppe der 5- bis 15-Jahres-Reiterinnen sind es nur 13 Prozent — ein dreieinhalb-facher Unterschied.

Was kostet eine Turniersaison realistisch?

Wer in einer Saison fünf Turniere starten möchte, plant problemlos 1.500 bis 2.500 Euro ein — zusätzlich zu den ohnehin steigenden Pferdehaltungskosten. Pro Wochenende kommen schnell mehrere hundert Euro zusammen: Nenngebühren, Anhänger-Sprit, Übernachtung, Turnierausrüstung, Verbandsbeiträge, manchmal Trainerin auf dem Turnier.

Wie viele Vereine richten noch Turniere aus?

60,3 Prozent — laut der Studie geben 39,7 Prozent der Reiterinnen an, dass ihr Verein keine Turniere mehr ausrichtet. Das ist fast jeder zweite Verein. Die Mehrheit organisiert noch, aber die Tendenz ist abnehmend.

Wo finde ich die vollständige Studie?

Auf der Hub-Seite zur RidersDeal Reitsport-Studie 2026 findest Du alle Auswertungen — Methodik, Demografie, Geld, Gesundheit, Training, Turniersport, Senior-Pferd, Medien und Emotion.

Wer den Turnier-Auszug verstanden hat, will oft die persönliche Geschichte dahinter lesen — und die strukturelle Vereins-Krise. Beide Folgeartikel machen die Daten konkret.

Ausgezeichnet als Top Shop 2024 & 2026 von COMPUTER BILD & Statista in der Kategorie Freizeit, Spiel und Hobby. Zur Auszeichnung 2026



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