Warum Reitvereine 2026 keine Turniere mehr ausrichten

In unserer RidersDeal Reitsport-Studie 2026 haben 3.515 Pferdebesitzerinnen unter anderem die Frage beantwortet: "Richtet Dein Verein noch selbst Turniere aus?" Das Ergebnis ist eindeutig: 39,7 Prozent sagen Nein. Fast jeder zweite Verein hat sich aus dem Turniergeschäft zurückgezogen. Das hat mit den Aussteigerinnen zu tun, die wir in den Studien-Artikeln Der stille Auszug und Früher ja, jetzt nicht mehr beschrieben haben — aber es geht weit darüber hinaus. Vereine kämpfen mit Helfermangel, Bürokratie, Versicherungs-Auflagen und einem Generationswechsel im Vorstand, der nicht immer gelingt. In diesem Artikel ordnen wir die Daten ein und zeigen, was der Rückzug für die Pferdewelt insgesamt bedeutet.

RR

Rasso Reng

Marketingleiter & Datenanalyst · Aktualisiert: April 2026

Wie viele Vereine richten noch Turniere aus?

Die Studienfrage war direkt: "Richtet Dein Verein noch selbst Turniere aus?" Mit drei möglichen Antworten — Ja, Nein und Weiß nicht. Das Ergebnis sieht so aus:

Vereine und Turnierausrichtung 2026 (n = 3.515)
Antwort Anteil
Ja, mein Verein richtet noch Turniere aus 60,3%
Nein, mein Verein richtet keine Turniere mehr aus 39,7%

Fast 40 Prozent ist eine Zahl, die für sich spricht. Während der Verbandssport öffentlich auf Bundesebene stabil wirkt, bröckelt die kleinteilige lokale Basis. Wer 2026 ein Turnier reiten will, fährt im Durchschnitt deutlich weiter als noch vor zehn Jahren — weil im eigenen Vereinsumfeld einfach keines mehr stattfindet.

Wichtig zur Einordnung: Diese 39,7 Prozent sind die Vereine, in denen die Reiterinnen Mitglieder sind. Es gibt also durchaus auch Vereine, die nie Turniere ausgerichtet haben — reine Reitschulvereine, kleine Privatställe, Spezial-Disziplinen-Vereine. Bei der Auswertung war für uns aber vor allem der Trend interessant: Wo früher Turniere stattfanden, finden sie heute oft nicht mehr statt. Und das ist die Hauptursache für die 39,7 Prozent.

Was sind die Hauptgründe für den Rückzug?

Wir haben in einer Mehrfachauswahl nachgefragt: "Was denkst Du, warum finden sich immer weniger Vereine bereit, Turniere auszurichten?" Das Ergebnis ist eindeutig — und es ist nicht eindimensional.

Gründe, warum Vereine keine Turniere mehr ausrichten (Mehrfachauswahl, n = 3.515)
Grund Anteil
Helfermangel 67,4%
Zu viel Bürokratie und Auflagen 51,2%
Tierschutz-Auflagen und Versicherungen 38,9%
Wirtschaftlich nicht mehr tragfähig 35,1%
Generationswechsel im Vorstand fehlt 28,3%
Zu wenige Starterinnen 22,7%

Helfermangel führt mit klarem Abstand. Zwei Drittel der Reiterinnen sehen das als Hauptproblem. Bürokratie und Auflagen liegen auf Platz zwei. Wenn man Tierschutz-Auflagen und Versicherungen plus reine Bürokratie zusammenrechnet, sind es mehr als 90 Prozent — also fast alle Reiterinnen sehen den regulatorischen Rahmen als belastend.

Bemerkenswert: Die Gründe sind nicht in erster Linie wirtschaftlich. Wirtschaftliche Tragfähigkeit liegt mit 35 Prozent nur auf Platz vier. Vereine zerbrechen also nicht primär an leeren Kassen, sondern an Menschen — fehlenden Helferinnen, fehlenden Vorstandsnachfolgerinnen, fehlenden Starterinnen. Das ist eine Sozial-Krise vor einer Geld-Krise.

Warum ist Helfermangel das größte Problem?

Ein Turnier ist ein logistisches Unterfangen. Ohne Helferinnen kein Turnier. Wer schon mal ein Turnier organisiert hat, weiß, wie viele Hände es braucht: Meldestelle, Richterzelt, Sanitäter, Catering, Abreiteplatz-Aufsicht, Parkordner, Sponsoren-Betreuung, Auf- und Abbau. Eine reine Wochenend-Veranstaltung kann schnell 30 bis 50 ehrenamtliche Helferinnen binden.

In der Studie haben wir auch nach der Bereitschaft zur ehrenamtlichen Mitarbeit gefragt. Das Ergebnis ist gemischt: Ein Teil der Reiterinnen hilft regelmäßig, aber die Bereitschaft zur dauerhaften Vorstandsarbeit ist deutlich geringer als zur punktuellen Hilfe. Das ist ein gesellschaftlicher Trend, der weit über den Reitsport hinausgeht — Schützenvereine, Feuerwehren, Sportvereine in vielen Disziplinen kämpfen mit denselben Strukturen.

Eine Reiterin schreibt in der Studie: "In unserem Verein machen die gleichen drei Frauen seit 15 Jahren das ganze Turnier. Wir sind alle inzwischen über 60. Niemand kommt nach. Und sie haben Recht — heute hat keiner mehr 200 Stunden im Jahr für so etwas übrig." Diese Aussage steht stellvertretend für viele. Es ist kein böser Wille der jüngeren Generation — es ist eine Veränderung von Lebensrealitäten.

Hinzu kommt: Wenn die Helferinnen-Basis schmaler wird, steigt die Belastung pro Helferin. Wer immer dieselbe ist, brennt aus oder gibt irgendwann auch auf. Das ist eine Negativ-Spirale, die viele Vereine in den letzten Jahren erlebt haben. Der Punkt, an dem die letzten aktiven Helferinnen entscheiden, dass es genug ist, kommt oft schneller als gedacht — und dann ist der Verein nicht plötzlich am Ende, aber das Turnier ist es.

Welche Rolle spielen Bürokratie und Auflagen?

51 Prozent der Reiterinnen nennen Bürokratie und Auflagen als Grund. Was bedeutet das konkret? Wer ein Turnier ausrichtet, jongliert eine Vielzahl von formalen Anforderungen — Versicherungen, Genehmigungen der Behörden, Tierschutz-Vorgaben, Veterinär-Bescheinigungen, GEMA-Anmeldungen, Hygiene-Konzepte, Datenschutz-Erklärungen für die Teilnehmerinnen-Daten. Vor 20 Jahren ging vieles davon mit weniger Aufwand; heute braucht es oft eine spezialisierte Vereinsperson, die sich ausschließlich um diese Themen kümmert.

Die 38,9 Prozent, die Tierschutz-Auflagen und Versicherungen explizit nennen, beziehen sich oft auf eine spezifischere Wahrnehmung. Versicherungs-Prämien für Veranstaltungen sind in den letzten Jahren teilweise deutlich gestiegen. Tierschutz-Auflagen wurden sensibler — was grundsätzlich positiv ist, aber die organisatorische Last erhöht. Wer als kleiner Verein eine Veranstaltung durchführt, hat einen unverhältnismäßig hohen Aufwand pro Starterin im Vergleich zu größeren Veranstaltungs-Strukturen.

Eine Vorstandsmitglied-Aussage aus den Freitext-Antworten: "Wir haben uns die Auflagen für unser kleines Spring-Turnier durchgelesen. Versicherungs-Hochrechnungen, neue Anforderungen an die Sanitäts-Versorgung, doppelte Tierschutz-Beauftragte. Wir haben dann beschlossen, es nicht mehr zu machen — die Arbeit steht in keinem Verhältnis zum Spaß." Das ist eine ehrliche Bilanz, die viele Vereins-Vorstände teilen.

Wenn die Vereins-Krise auf den Geldbeutel der Halterinnen trifft
Wer in einem Verein ohne eigenes Turnier ist, fährt für Veranstaltungen weiter — das treibt die Saisonkosten zusätzlich. Wenn die GOT-Erhöhung schon das Pferdebudget belastet, wird Turnier zur Luxus-Frage. Mehr im Studien-Artikel Tierarzt-Schock 2026.

Was bedeutet der Rückgang für Reiterinnen vor Ort?

Der Rückzug der Vereine hat ganz konkrete Folgen für Reiterinnen, die noch starten wollen. Drei davon sind besonders deutlich.

1. Längere Anfahrtswege. Wer früher zu fünf Turnieren pro Saison im Umkreis von 30 Kilometern fahren konnte, fährt heute oft 60 bis 100 Kilometer pro Veranstaltung. Das macht den Sport teurer, anstrengender und zeitaufwändiger. Anhänger-Sprit, Übernachtungen werden öfter nötig, zwei Tage werden aus einem.

2. Höhere Schwellen für Anfängerinnen. Wer früher in einem kleinen lokalen Vereinsturnier zum ersten Mal startete — eine Reitabzeichen-Lehrgangs-Prüfung, ein E-Reiterwettbewerb in der vertrauten Halle —, hat heute oft keinen niedrigschwelligen Einstieg mehr. Die größeren regionalen Turniere sind für Anfängerinnen oft zu eingeschüchternd. Das schadet der Nachwuchs-Entwicklung des Sports langfristig.

3. Verlust sozialer Strukturen. Vereinsturniere waren oft mehr als Sport — sie waren Stallfest, Reitercafé, Mitgliederversammlung im Anschluss, Helferinnen-Essen am Sonntagabend. Wenn das Turnier wegfällt, fällt auch viel von dieser sozialen Infrastruktur weg. Vereine verlieren einen Teil ihrer Identität — und Mitglieder verlieren ein Stück Stallheimat.

Diese sozialen Folgen sind weniger sichtbar als die wirtschaftlichen, aber langfristig oft tiefer. Wer in den persönlichen Stimmen der Aussteigerinnen liest, sieht das deutlich — viele schreiben, dass sie nicht das Turnier vermissen, sondern das Drumherum. Mehr dazu im Studien-Artikel Früher ja, jetzt nicht mehr.

Gibt es Vereine, die das anders machen?

Ja — und das ist der wichtige Hoffnungsanker des Themas. 60,3 Prozent der Reiterinnen sind in Vereinen, die noch Turniere ausrichten. Die schaffen es. Was machen sie anders?

1. Sie öffnen die Helferinnen-Basis. Statt darauf zu warten, dass die immer gleichen drei Stammkräfte alles tragen, werben sie aktiv neue Helferinnen — auch unter den Eltern der Reitschüler, unter befreundeten Vereinen, unter Sponsoren-Mitarbeiterinnen. Das ist Arbeit, aber es funktioniert.

2. Sie wechseln das Format. Statt einer aufwändigen klassischen Drei-Tages-Veranstaltung machen viele Vereine heute eintägige Mini-Turniere, Trail-Tage, Reitabzeichen-Wochenenden, Bodenarbeits-Cups. Diese Formate brauchen weniger Bürokratie, weniger Helferinnen, weniger Versicherung — aber sie schaffen einen Wettkampf-Charakter, der den Vereins-Geist trägt.

3. Sie kooperieren mit Nachbarvereinen. Zwei oder drei kleinere Vereine teilen sich Helferinnen, Material und Organisation. Eine Veranstaltung an einem Standort, gemeinsam getragen — das senkt die Last pro Verein erheblich. Das ist organisatorisch komplexer, aber strukturell tragfähiger.

4. Sie professionalisieren die Vorstands-Nachfolge. Statt darauf zu hoffen, dass die nächste Generation freiwillig nachrückt, planen sie aktive Übergaben — drei bis fünf Jahre Übergangsphase, gemeinsame Aufgaben, schrittweise Verantwortungsabgabe. Das ist langfristige Arbeit, aber es funktioniert.

Was diese Gegenmodelle gemeinsam haben: Sie akzeptieren, dass die Welt von 1995 nicht zurückkehrt — und gestalten aktiv den Übergang in eine andere, anders organisierte Vereinslandschaft.

Wie sieht die Zukunft der Vereinslandschaft aus?

Wenn man die Studien-Daten mit den allgemeinen Vereins-Trends in Deutschland zusammenliest, zeichnen sich drei wahrscheinliche Entwicklungen ab.

1. Konsolidierung. Aus drei kleinen Nachbarvereinen wird einer größerer. Die kleineren werden Mitgliederbewegungen oder Reit-Abteilungen größerer Sportvereine. Das ist nicht für alle gut, aber strukturell wahrscheinlich. Wer sehr lokal verankert ist, leidet darunter — wer flexibel ist, gewinnt vielleicht sogar mehr Möglichkeiten.

2. Niedrigschwelligere Formate werden den klassischen Sport ergänzen. Trail-Tage, Bodenarbeits-Cups, gemütliche Reitabzeichen-Wochenenden, Stallfest-Wettkämpfe — all das wird neben dem klassischen FN-Turnier weiter wachsen. Die Reitsport-Welt wird vielfältiger und differenzierter, nicht nur ärmer.

3. Die Verbände stehen vor strukturellen Anpassungen. Wenn die Basis schmaler wird, müssen die Auflagen-Strukturen mitziehen. Vereinfachte Veranstaltungsformate, weniger schwerfällige Bürokratie, neue Helferinnen-Konzepte — das alles muss auf Verbandsebene mitgedacht werden, sonst verschärft sich die Krise weiter. Die Reitsport-Welt 2030 wird anders aussehen als die von 2026 — und 2026 ist schon anders als 2015. Wer sich rechtzeitig anpasst, gestaltet die Veränderung; wer wartet, lässt sich von ihr überrollen.

Was die Vereinskrise auch sichtbar macht: Sie gehört zu einer breiteren Branchen-Frustration, die in der Studie an vielen Stellen durchscheint. Mehr dazu im Studien-Artikel Was Reiterinnen 2026 wirklich nervt.

Häufige Fragen zur Vereins-Krise

Wie viele Reitvereine richten 2026 keine Turniere mehr aus?

39,7 Prozent — laut der RidersDeal Reitsport-Studie 2026 (n = 3.515) sagen 39,7 Prozent der Reiterinnen, dass ihr Verein keine Turniere mehr ausrichtet. 60,3 Prozent sind in Vereinen, die noch aktiv organisieren. Fast jeder zweite Verein hat sich also aus der Turnierausrichtung zurückgezogen.

Was ist der Hauptgrund für den Rückzug der Vereine?

Helfermangel — 67,4 Prozent der Reiterinnen nennen das als Hauptgrund. Danach folgen Bürokratie und Auflagen (51,2 Prozent), Tierschutz-Auflagen und Versicherungen (38,9 Prozent), wirtschaftliche Tragfähigkeit (35,1 Prozent) und der fehlende Generationswechsel im Vorstand (28,3 Prozent).

Welche Folgen hat die Vereins-Krise für Reiterinnen?

Drei zentrale Folgen: längere Anfahrtswege zu Turnieren, höhere Schwellen für Anfängerinnen (kein lokaler niedrigschwelliger Einstieg mehr) und Verlust sozialer Strukturen (Stallfest, Reitercafé, Vereinsidentität). Die sozialen Folgen sind langfristig oft tiefer als die wirtschaftlichen.

Was machen Vereine anders, die noch erfolgreich Turniere ausrichten?

Vier Strategien fallen auf: Sie öffnen die Helferinnen-Basis aktiv über die Stammkräfte hinaus, sie wechseln das Format zu kleineren eintägigen Veranstaltungen, sie kooperieren mit Nachbarvereinen, und sie planen die Vorstands-Nachfolge professionell mit mehrjährigen Übergangsphasen.

Wird der Trend sich umkehren?

Eher nicht. Was wahrscheinlicher ist: Konsolidierung (kleinere Vereine fusionieren oder werden Abteilungen größerer Sportvereine), Wachstum niedrigschwelliger Formate (Trail-Tage, Bodenarbeits-Cups) neben dem klassischen Sport, und strukturelle Anpassungen auf Verbandsebene. Die Reitsport-Welt 2030 wird anders aussehen — vielfältiger und differenzierter, nicht nur kleiner.

Wo finde ich die vollständige Studie?

Auf der Hub-Seite zur RidersDeal Reitsport-Studie 2026 findest Du alle Auswertungen — Methodik, Demografie, Geld, Gesundheit, Training, Turniersport, Senior-Pferd, Medien und Emotion.

Wer die Vereins-Krise verstanden hat, sieht oft den breiteren Frust der Branche dahinter — und die ehrlichen Stimmen, die in der Studie auftauchen. Auf der Hub findest Du das ganze Bild.

Ausgezeichnet als Top Shop 2024 & 2026 von COMPUTER BILD & Statista in der Kategorie Freizeit, Spiel und Hobby. Zur Auszeichnung 2026



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