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Mein Pferd sagt "nein" | positive Verstärkung

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Mein Pferd sagt "nein" | positive Verstärkung
Von Lisa T. Vor 2 Jahren 1124 mal gelesen Keine Kommentare

Wir erwarten immer viel von unseren vierbeinigen Begleitern. Besonders unsere Freizeitpferde sollen möglichst alles können. Gelassen im Gelände sein, ein bisschen Dressur können, mal einen kleinen Sprung meistern und weil es Mode ist, auch ein paar Zirzensiklektionen beherrschen. Wenn wir nach einem gestressten Tag in den Stall kommen und reiten wollen, dann soll das bitte auch gut klappen, denn immerhin ist das unser Ausgleich vom Arbeitsalltag. Mit welchen Emotionen wir da unserem Tier gegenüber treten ist uns oftmals gar nicht bewusst. Ich bin selbst nicht frei von solchen Momenten und habe mich so einige Male dabei ertappt, wie mein Pferd mir doch bitte nun Entspannung liefern soll.

Das kann nicht funktionieren und ich möchte auch nicht, dass mein Pferd glaubt, dass es Erwartungen erfüllen muss. Es darf „nein“ sagen und mir meine Stimmung auch spiegeln. Ich möchte einen vierbeinigen Partner haben, der zu mir kommt, gerne bei mir ist und mit dem ich gemeinsam schaue, worauf wir an diesem Tag Lust haben oder wie wir das Beste aus der jeweiligen Situation machen.

Es war und ist nach wie vor ein Umstieg für mich. Ich möchte nicht mehr über die Laune meines Pferdes bestimmen, seine Emotionen überreiten und ihn mit Druck und Erwartungen überhäufen. Ich möchte eine gegenseitige Freude auf den jeweils anderen. Mir fällt dabei immer ein Zitat aus meinem Lieblingsbuch (der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry | 1943) ein:

»Du bist für mich nur ein kleiner Junge, ein kleiner Junge wie hunderttausend andere auch. Ich brauche dich nicht. Und du brauchst mich auch nicht. Ich bin für dich ein Fuchs unter Hundertausenden von Füchsen. Aber wenn du mich zähmst, dann werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzigartig sein. Und ich werde für dich einzigartig sein in der ganzen Welt. (…) wenn du mich zähmst, wird mein Leben heiter wie die Sonne sein. Ich werde den Klang deiner Schritte von den anderen unterscheiden lernen. Alle anderen Schritte jagen mich in meinen Bau. Deine Schritte werden mich wie Musik aus meinem Bau herauslocken…«

Ich arbeite bei meinen Pferden zumeist mit dem Futterlob. Vorher kann es von Vorteil sein, Höflichkeitstraining zu machen.

Ist es nicht das, was wir wollen. Ein Pferd, was aufschaut, wenn es uns entdeckt, uns folgt, oder uns gar auf der Koppel entgegenkommt? Das alles können wir besonders dann erreichen, wenn unser Pferd auch „nein“ sagen darf. Es braucht förmlich Raum zum Atmen um es selbst sein zu können. Wir müssen das Tier nicht dominieren, um unseren Rang klar zu machen. Ich muss mich für das Pferd interessant machen, es mit Freude und Energie anstecken und es manchmal auch wieder zum Leben erwecken. Bei uns hat es durch die Arbeit mit der Poolnudel geklappt, dem geliebten Podest und Kletterspaziergängen im Wald. Besonders durch die intrinsische Arbeit geb ich meinem Pferd die Möglichkeit, sich selbst zu entdecken, eigene Ideen zu entwickeln, Sachen auszuprobieren und vor allem Mut und Selbstbewusstsein zu bekommen. Wir befinden und noch ganz am Anfang, aber schon jetzt merke ich deutliche Unterschiede. Momo steckt zum Beispiel seinen Kopf inzwischen ganz begeistert ins Halfter hinein und wenn er bei der Freiarbeit mal abdriftet, dann lässt er sich mit Hilfe der Poolnudel oder des Podestes wieder einladen, etwas mit mir zu machen. Aus sich selbst heraus. Pferde, die „nein“ sagen dürfen, werden Stück für Stück mehr „ja“ sagen, weil sie Freude an der gemeinsamen Arbeit haben und wissen, dass sie gesehen und gehört werden.

negative Verstärkung
Druck → erwünschtes Verhalten → nachgeben (Lob)

positive Verstärkung
erwünschtes Verhalten → Lob


Der Schlüssel zu diesem Erfolg ist unter anderem die positive Verstärkung. Wenn mein Pferd zum Beispiel der Poolnudel folgt, dann wird es belohnt und somit positiv in seinem Handeln bestärkt. Ich benenne ganz bewusst die Poolnudel, denn durch die erfolgt die Bewegung aus der eigenen Motivation heraus. Wenn ich Druck auf den Hals ausübe, um eine Senkung des Halses zu bekommen, dann ist es eine negative Verstärkung, selbst wenn am Ende eine Belohnung erfolgt (Druck → erwünschtes Verhalten → nachgeben). Ich möchte, dass mein Pferd bei der Arbeit so viele positive Erfahrungen sammelt, wie nur irgendwie möglich. Es soll die Dinge gerne tun, weil sie ihm gut tun und es sich am Ende gut anfühlt (erwünschtes Verhalten → Lob). Das führt dann auch dazu, dass mein Pferd Lust hat mit mir zu arbeiten, weil es stolz darauf ist, Dinge zeigen zu können. Je mehr das Pferd das Gefühl hat, etwas gut zu machen umso motivierter wird es sein. Es entstehen neue Bewegungsabläufe, neue Bewegungsideen. Ich darf es nicht persönlich nehmen, wenn mein Pferd an einem Tag „nein“ zum Reiten sagt. Manchmal hilft es schon, in sich selbst hinein zu hören, um den Knoten platzen zu lassen. Uns hilft es besonders an solchen Tagen erstmal frei zu arbeiten, Energie zu entwickeln und dann plötzlich lässt er mich aufsteigen und brummelt dabei ganz stolz. Liese hingegen genießt vorher lieber ein paar ausgiebige Krauleinheiten. Jeder ist ein Individualist, Mensch wie Tier und wir müssen lernen gemeinsam zu agieren, in den Möglichkeiten, die uns das Hier und Jetzt bietet.


Vielen Dank an Lisa von @mit.aalstrich.durchs.leben für diesen tollen Beitrag! :-)