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Das Therapiepferd in der traumapädägogischen Reitpädagogik

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Das Therapiepferd in der traumapädägogischen Reitpädagogik
Von Anja O. Vor 3 Monaten 538 mal gelesen Keine Kommentare

Was macht es aus und gibt es Unterschiede?

In der heilpädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen werden die Pferde viel als Gefühlsöffner, ruhender Ort, Freund und Partner gesehen. Sie sind immer da, haben keine Vorurteile gegenüber den Kindern und Jugendlichen, geben Sicherheit und Stabilität. Sie helfen den Kindern zu sich selbst zu finden, motorisch geschickter zu werden, bekommen mehr Selbstbewusstein und Selbstvertrauen. Die Kinder und Jugendlichen dürfen ihr Inneres zeigen, ohne Angst haben zu müssen, dass jemand über Sie lästern könnte. Die Pferde nehmen sie genau so an.

Oft bekommen wir zu hören, dass es doch völlig egal ist, was für einen Charakter das Pferd hat. Es ist doch egal welches Temperament und welchen Ausbildungsstand es
absolvierte. Mit jedem Pferd ist Reittherapie/ Pädagogik möglich.
Das sehe ich anders. Natürlich hat jedes Pferd seine Fähigkeiten. Jedes Pferd wird einen therapeutischen Teil leisten können. Aber eben nicht so intensiv und verlässlich
wie es nötig ist. In der Arbeit mit traumatisierten Menschen geht es eben darum, dass das Pferd fein und sensibel reagieren kann. Es soll die inneren Gefühlszustände erkennen können und den Reiter spiegeln. Nicht jedes Pferd ist hier geeignet. Auch wir haben in unserer Herde unterschiedliche Charaktere, die alle anders auf den
Menschen reagieren.
Die Ausbildung eines Therapiepferdes dauert lange und ist sehr vielfältig und intensiv. Hierzu wird es einen extra Blogbeitrag geben.
Was bedeutet Gefühlszustände spiegeln? Eigentlich ganz einfach. Hier ein Beispiel aus meiner Arbeit:

Kind A kommt regelmässig in die Reitpädagogik Stunde. In der Schule ist es frech, stört den Unterricht, kann sich nicht konzentrieren. Es ist unruhig, hält sich an keine
Regeln, hat mit anderen Kindern oft Streit. Eltern und Lehrer sind überfordert, installieren Schulbegleitung und weitere Hilfen.
Nun passiert genau das, was so wertvoll an der Reitpädagogik ist. Kaum ist das Kind im Stall bei den Pferden, wird es plötzlich ganz ruhig. Das Pferd merkt zwar seine
äusserliche Unruhe, die hektischen Bewegungen, sieht aber auch seine innerlich schüchterne und zurückhaltende Art. Das Pferd zieht sich etwas zurück und
beobachtet. Man könnte meinen, dass es vor den hektischen Bewegungen flüchten müsste. Es ist ja schließlich ein Fluchttier. Da ein Pferd, welches aber ganz klar im
Kopf ist, gut ausgebildet und sozialisiert in der Herde ist und gute Haltungsbedingungen hat, nicht nur auf die Körpersprache des Menschen achtet, sondern auch den Puls des Menschen spürt, merkt es, dass es in diesem Kind innerlich ruhig zu geht und das Kind vorsichtig und unsicher ist. Hier ist nun ein ganz besonders toller Lernfaktor für das Kind zu sehen. Es kann lernen mutig und selbstbewusst zu werden. Denn wenn es zögert, wird das Pferd etwas weichen, geht es direkt auf das Pferd zu und streichelt es, wird es stehen bleiben. Hier sind also die wirklichen inneren Gefühle ausschlaggebend und dürfen zum Vorschein kommen.

Wichtig ist, dass die Pferde zurück weichen dürfen. Sie müssen die Möglichkeit haben auf die Gefühle reagieren zu dürfen. Wenn ich ein Pferd ausbilde und ihm jegliche
Art der Reaktion verbiete, wird es zwar funktionieren und die Hilfen, die der Reiter gibt, umsetzen, aber es wird aufhören die Gefühle des Menschen zu spiegeln. Wenn
wir dieses ganz hart formulieren möchten: Wir würden das Pferd in seinem Charakter brechen und hart machen.
Es geht nicht um Unarten wie buckeln, beißen, steigen etc.. Das sollte ein Therapiepferd natürlich auch nicht machen. Es geht um kleine Reaktionen auf die Gefühlswelt des Menschen.

Ein Beispiel:

Habe ich ein Kind z.B. an der Longe auf einem Pferd sitzen. Als Zubehör haben wir eine Decke und einen Griffegurt. Dann die Longe und ein Halfter zum Longieren.
Das Kind hatte einen richtig anstrengenden Tag, zurzeit ist viel los bei ihm zu Hause. Die Eltern haben sich getrennt, ein Umzug und Schulwechsel stand an. Das Kind hat
das Gefühl, immer alles falsch zu machen, ist total unzufrieden. Nun ist wieder Reitpädagogik Stunde, die Mama gibt ihr Kind ab und fährt wieder nach Hause. Das Kind putzt das Pferd und ich frage wie die Woche gelaufen ist, wie es ihm geht. Als Aussage bekomme ich: „ Alles gut“ „ die Woche war schön“. „ ich weiß nicht mehr was ich alles gemacht habe“ ..
Alles schlichtweg positive Aussagen.
Nun sind wir fertig mit putzen und gehen in die Reithalle. Das Kind setzt sich auf das Pferd. Kaum sitzt es drauf, wird das Pferd sehr unruhig, angespannt und läuft ein
paar Schritte im Trab los. Das Kind erschrickt sich kurz. Ich spreche mit dem Kind. Ich sehe, dass in dir etwas in Unruhe ist. Was kann das sein? Das Pferd hat es mir
gesagt.
Und ab dem Punkt fängt das Kind an zu reden was wirklich los ist. Es fällt ihm ein Stein vom Herzen, endlich alles raus lassen zu dürfen. Die Last abwerfen. Automatisch
entspannt sich das Kind etwas, was sich wiederum direkt beim Pferd bemerkbar macht.

Anhand der Beispiele sehen wir nun ganz deutlich, dass es dem Pferd erlaubt sein muss diese Spiegelfähigkeit in der Arbeit mit traumatisierten Menschen zeigen zu dürfen.
In anderen Bereichen der Reitpädagogik z.B. benötigen wir Pferde, die wirklich ruhig sind und auf den Longenführer (Reitpädagogen) achten. Kinder mit Spastiken und Mehrfachbehinderungen. Hier ist das Therapieziel ein anderes. Ein getragen werden, Motorikverbessern, sich spüren. Diese Kinder können Ungleichmäßigkeiten vom Pferd nicht gut ausbalancieren. Die Pferde spüren natürlich trotzdem, wenn der Mensch der auf ihnen sitzt innerliche Unruhen hat. Es hat aber gelernt ruhig zu bleiben und sich auf den Reitpädagogen zu konzentrieren. Die Arbeit in der Reitpädagogik und Therapie ist für Pferde sehr anstrengend. Es ist daher sehr wichtig, dass wir sie schützen. Ihnen ausreichend Freizeit in einer gut sozialisierten Herde geben. Auch die Ausgleichsarbeiten mit dem Reitpädagogen oder evtl. Reitbeteiligungen, die schöne Ausritte machen, ist wichtig.

Zusammengefasst: Grundsätzlich hat jedes Pferd eine therapeutische Wirkung. Für die Reitpädagogik mit traumatisierten und seelisch angeschlagenen Menschen sind
jedoch Pferde die interessiert, neugierig, fein in ihrem Spüren und Handeln, vom Grundcharakter dem Menschen zugewandt und ruhigem bis mittlerem Temperaments sind,
besonders gut geeignet.

Ich bin sehr dankbar über diese tollen Fähigkeiten, die Pferde haben, um Kindern und Jugendlichen zu helfen.

Reitpädagogin Anja Opitz Munstermann